Über die Krisen der Psychotherapie
Moderne Gesellschaften überlasten die Psyche. In zwei Jahrzehnten einer Biografie von heute sollen kleine Wilde, die ihre Affekte auf ein kurzes, heißes Leben in der paläolithischen Steppe vorbereitet haben, zu – sagen wir – einem Bankangestellten geformt werden, der geduldig seinen Dienst tut, sich scheinbar nicht ärgert, wenn er von einem Kunden beleidigt wird, und neun Stunden im Büro aushält, auch wenn es ihn noch so juckt, hinauszuziehen und Beute zu machen.
Die moderne „Nervosität“, die Freud keineswegs als Erster, aber doch nachdrücklicher und methodischer als seine Vorgänger thematisiert hat, wird durch ein archaisches Erbe schneller Affekte geprägt, die um der Kultur willen verlangsamt, unterdruckt und umgewandelt werden müssen. Das ist ein komplizierter Prozess, der oft genug scheitert.
Menschen sind geschaffen, durch die Welt zu wandern, nicht irgendwo in ihr bewegungslos festzusitzen. Sie können (und wollen) schnell entscheiden, ob ein Bündel an Reizen sie zur Beute zumachen droht oder ihre Beute werden kann. Ihre Gefühle drangen zur Tat.
Was Folgen hat: Je weniger affektbestimmte Handlungsmöglichkeiten es in einer verwalteten Welt gibt, desto mehr wachst die Zahl von Menschen, die dem Druck nicht standhalten. Zu Freuds Zeiten nannten wir sie hysterisch, heute nennen wir die Unruhigen manisch oder schreiben ihnen eine Aufmerksamkeitsstörung zu.
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(Lesen Sie den gesamten Essay im Kursbuch 170)
