Von der Attraktivität des Krisenmotivs
für die Literatur der Moderne
In den Jahren nach dem Fall der Mauer begab sich etwas Sonderbares in der deutschen Literaturlandschaft. Schon im Herbst 1989 wurde der Schriftsteller Hans Christoph Buch nach einem Vortrag gefragt, wann denn „der große Roman über den Tag, an dem die Mauer fiel“, erscheinen werde, ob er „das fertige Manuskript schon in der Tasche“ habe. Und in den Folgejahren wurde im Feuilleton immer wieder die Forderung nach „dem“ deutschen Wenderoman laut und als Richtschnur an alle infrage kommenden Neuerscheinungen gelegt. Einen ersten Eklat gab es 1995, als Marcel Reich-Ranicki Günter Grass vorwarf, er habe in seinem Roman Ein weites Feld „nur behauptet und nicht erzählt, nur verkündet und nicht gezeigt“. Wie die richtige Form des literarischen Erzählens vom vereinten Doppeldeutschland auszusehen hatte, blieb eine ungeklärte Frage. Um die Mitte der 90er-Jahre konnte sich die Literaturkritik zwar nicht mehr über mangelnde literarische Produktion zum Thema beklagen – es kam zu einem wahren „Wendeboom“ in der deutschen Literatur der älteren wie der jüngeren Autorengeneration –, aber so schnell der eine Kritiker eine Neuerscheinung zum lange erwarteten Wenderoman kürte, so schnell entzog ihr ein anderer dieses Prädikat wieder. Ein Konsens über „den“ deutschen Zeitroman oder auch nur darüber, wie er auszusehen hatte, lies sich nicht erzielen.
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(Lesen Sie den gesamten Essay im Kursbuch 170)
