Der Ausnahmezustand als Normalfall

Modernität als Krise

Manche datieren den Anfang der Moderne auf den Allerheiligentag des Jahres 1755, als ein Tsunami, ausgelöst durch ein Erdbeben 200 Kilometer vor der Küste Portugals, Lissabon zerstört hat. Es war ein sinnloses Geschehen, das man nicht einem Weltenplan oder gar Gottes Ratschluss subordinieren konnte, schon deshalb nicht, weil die Alfama, das Sündenviertel der Stadt, von den Zerstörungen weitgehend verschont blieb. Katastrophen hatte es immer gegeben, aber warum sollte diese der Ausgangspunkt der Moderne sein? Zumindest hat die Erfahrung des sinnlosen Ereignisses mit allen seinen bösen Auswirkungen die alte Frage, wie Gott angesichts seiner Allmacht und Gute solches Unheil zulassen könne, neu belebt. Diese sogenannte Theodizeefrage freilich wurde nun nicht mehr primär religiös gelöst, sondern letztlich dadurch, Natur und Kultur, Notwendigkeit und Freiheit, Zufall und Sinn voneinander zu trennen.

Modernität beginnt deshalb damit, unterschiedliche Lebensbereiche und Argumentationslogiken voneinander zu trennen. Immanuel Kant etwa hat im Gefolge von Lissabon eine naturwissenschaftliche Theorie des Erdbebens und Tsunamis verfasst. Wiewohl diese sich am Ende als falsch herausstellte, diente sie dazu, die Ereignisse als das bloße Wirken von Naturkräften anzusehen, die letztlich mit der Frage nach einem angemessenen und guten Leben nichts zu tun haben.

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(Lesen Sie den gesamten Essay im Kursbuch 170)